Virtual Reality ist schon lange nicht mehr nur ein schönes Spielzeug für Nerds und Techies. Ganz im Gegenteil: Unternehmen setzen schon jetzt VR-Recruiting und VR-Trainings ein. Was gibt es bereits und wie effektiv ist es?

VR für Employer Branding: Der gute Eindruck zählt

Auf Karrieremessen sind sie nicht mehr wegzudenken: Stände mit VR-Brillen, unter denen junge Menschen vergnügt mit den Händen fuchteln oder sich staunend umsehen. Doch warum? In VR lassen sich Seiten eines Unternehmens zeigen, die ansonsten verborgen bleiben würden – zumindest bis man selbst in der Firma anfängt (und selbst dann noch ab und zu). Der Pharmakonzern Bayer gibt aus diesem Grund mittels 360-Grad-Videos Einblicke in seine Labore.

Mit solchen Kampagnen können sich Unternehmen als technikaffine und moderne Arbeitgeber etablieren und leichter neue Mitarbeiter und MItarbeiterinnen gewinnen. Da sich bei 360-Grad-Videos kaum etwas verstecken lässt – das Publikum kann sich schließlich selbst umsehen – werden sie gerne für mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit genutzt. Und auch von der Unternehmenskultur lässt sich in 360-Grad ein realistischer Überblick verschaffen.

Auch Helios setzt auf 360-Grad-Content.

Wissen, wie der Arbeitsalltag aussieht – das steht im Zentrum der Berufsorientierung. Wie im Video oben sollen Jugendliche mit Hilfe von 360-Grad-Filmen einen tieferen Einblick erlangen als sie dies ansonsten könnten. Das Ziel ist ein „Praktikum in 5 Minuten“. So können sie sich selbst ein Bild von verschiedenen Berufsfeldern, einzelnen Berufen oder bestimmten Unternehmen machen. Und sich anschließend besser für einen Berufsweg entscheiden.

VR-Recruiting: Steht das klassische Bewerbungsgespräch vor dem Aus?

Neben 360-Grad-Auftritten auf Messen und im Internet können auch Recruiting-Prozesse mit Virtual Reality ergänzt werden. Dass das klassische Bewerbungsgespräch irgendwann in VR stattfinden wird, ist zwar nicht ausgeschlossen, doch ich sehe diese Entwicklung nicht so schnell kommen. Schließlich will man sich persönlich kennenlernen.

Dennoch können Personaler durchaus VR- und 360-Grad-Anwendungen in ihre Bewerbungsgespräche einbinden. Wenn nämlich der Bewerber gleich vor Ort die VR-Brille aufsetzen und ein paar Eindrücke seines neuen Arbeitsplatzes oder der zukünftigen Kollegen in VR sehen kann, ist dies sicher eindrücklicher als reine Erzählungen des Personalers. Und auch die Bewerbungsgespräche selbst lassen sich gut in VR trainieren – und zwar für Kandidat wie Personaler gleichermaßen.

Besonders interessant und ziemlich neu ist VR-Recruiting, wenn Virtual Reality im Assessment genutzt wird. Einstellungstests lassen sich mit VR um eine neue, digitale und interaktive Komponente bereichern. Die Polizei in London testet so ihre Bewerber paar-weise in Situationen, die alltäglichen und realen Situationen in der Polizeiarbeit nachempfunden sind. Und auch die Unternehmensberatung Accenture schickt Kandidaten aus Irland und UK in ein ägyptisches Grab, wo sie Rätsel lösen müssen, oder lassen sie virtuell mit einem Kunden sprechen.

Und nicht zuletzt eignet sich VR hervorragend für neue Mitarbeiter im Onboarding: Denn so können diese schnell und einfach verschiedene Standorte ihres neuen Arbeitgebers kennenlernen – ohne dass sofort hohe Reisekosten entstehen.

VR-Trainings: Interaktive Mitarbeiterschulungen unter der VR-Brille

Die Deutsche Bahn tut es, die Lufthansa tut es und Profisportler tun es: virtuelle Schulungen und Trainings sind inzwischen weit mehr als ein Trend. 2018 waren sie laut einer Studie das häufigste Einsatz-Szenario von Virtual Reality in Unternehmen.

VR-Trainings machen vor allem da Sinn, wo eine Schulung in der echten Welt sehr aufwendig und teuer durchzuführen wäre – oder schlicht zu gefährlich. So arbeitet das Start-up Flaim VR in Australien gerade an virtuellen Trainingsszenarien für Feuerwehrleute. Real anmutende Haptik und hohe Temperaturen sind inklusive – einem (echten) Wasserschlauch und einer Hitzeweste sei Dank.

In digitalen und virtuellen Schulungen können zudem vermehrt ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Situationen geübt werden. Ein Beispiel: Bei echten Operationen sollten möglichst wenig Komplikationen auftreten. Und für die Person, die auf dem OP-Tisch liegt, ist eine ordentlich laufende Standard-OP auch ziemlich gut. Doch Chirurgen in Ausbildung sind dadurch entsprechend seltener mit „harten Fällen“ konfrontiert. In VR ist die Simulation von komplexen und schwierigen Situationen kein Problem mehr. So sind Mitarbeiter bestens vorbereitet, wenn eine seltene Situation in der Realität dann doch einmal auftreten sollte.

Auch kann Virtual Reality Perspektivwechsel ermöglichen. In einem meiner letzten Artikel habe ich Ihnen von den Empathie-Schulungen bei Hotelketten erzählt. Weitere Anwendungsfälle sind Schulungen mit den Themen sexuellen Belästigung, Diversität oder Inklusion. So etwas ist in realen Trainingssituationen meist nur mit Hilfe von Rollenspielen möglich. Diese sind einerseits weniger immersiv (oft schaut gleich die halbe Abteilung mit kritischem Blick zu) und können andererseits gerade für introvertierte Menschen eine echte Herausforderung bedeuten. Trotzdem bleiben solche Rollenspiele auch weiterhin relevant für die Simulation von komplexen, zwischenmenschlichen Szenarien: Nichts ist so unvorhersehbar wie ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Wie effektiv sind VR-Trainings?

Virtuelle Trainings werden Weiterbildungsmaßnahmen in der Realität sicher nicht voll ersetzen können. Doch sie bieten eine effektive Ergänzung. Denn Schulungen in Virtual Reality sind skalierbar: Ist ein Übungsszenario erst einmal produziert, können Mitarbeiter beliebig häufig und in großer Anzahl geschult werden. So lässt sich viel Geld sparen, zumal die erforderliche Hardware inzwischen deutlich preiswerter geworden ist als noch vor einigen Jahren. Doch haben virtuelle Schulungen auch einen nachhaltigen Effekt?

Die Antwort ist – soweit wir aktuell wissen – ja. Zahlreiche Studien konnten bereits zeigen, dass unser Gedächtnis motorische Abläufe, die interaktiv in VR trainiert wurden, speichert. Aus diesem Grund wird Virtual Reality mittlerweile auch gerne in der Rehabilitation eingesetzt. Im Arbeitsleben ist dieser Effekt besonders nützlich für standardisierte Arbeitsprozesse und Handgriffe, die im realen Anwendungsfall „sitzen“ müssen.

Die Firma Osso VR bietet Übungsszenarien für Chirurgen und solche, die es werden wollen. Damit die VR-Trainings möglichst realistisch wirken, hat die Firma sogar Experten aus Gaming und Film engagiert.

Hinzu kommt, dass ein VR-Training sich ohne Zeitdruck durchführen lässt, einzelne Faktoren variierbar sind und es so oft wiederholt werden kann wie nötig – Übung macht ja bekanntlich den Meister. Dadurch ist eine Schulung in VR auch eine gute Vorbereitung für Praxisübungen in der realen Welt. Der Frustfaktor sinkt ebenso wie mögliche Gefahren, wenn man im Training vor Ort bereits die Grundlagen beherrscht.

Auch für das Gedächtnis scheint VR positiv zu sein: In einer Studie aus Maryland in den USA konnten sich die Teilnehmer besser an Inhalte erinnern, die in einer immersiven Umgebung und mit einer VR-Brille gezeigt wurden, als an Inhalte, die sie auf einem Laptop-Bildschirm präsentiert bekamen.

Wenn es um Perspektivwechsel geht, so geben Experimente der Universität Stanford einige Hinweise: Studienteilnehmer, sich in VR in die Rolle eines Obdachlosen einfühlen sollten, bewerteten ihre Empathie anschließend ähnlich hoch wie Teilnehmer, die die Situation nur an einem Bildschirm durchlebten. Bei den VR-Personen hielt die Empathie für Obdachlose jedoch länger an und führte mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Verhaltensänderungen (in diesem Falle unterzeichneten sie häufiger eine Petition).

Solche Ergebnisse zeigen also bereits, dass Virtual Reality das Lernen positiv beeinflussen kann. Weitere Forschung wird sicherlich noch viele interessante Details liefern.

Sind Sie interessiert an einem virtuellen Rundgang durch Ihr Unternehmen oder an einem Recruiting-Video in 360-Grad?

Autor

Geschäftsführer von Virtual Tours und Marketingexperte für immersive Medien. Seit 2012 unterstütze ich Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Und noch immer bin ich begeistert wie am ersten Tag von all den Möglichkeiten, die 360°, Virtual Reality und Augmented Reality bieten.

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